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Manufakturwaren Mina Boltz

Untere Hauptstraße 8

Von der Arbeitssocke bis zum Zauberstab für kleine Hexen

"Los, ab zu de Mina!  Ich brauch‘ noch Hossegummi, en Bleistift, zwä Rolle weiße Nähts, e klä Messerle, en Pack Klopapier, e kläni Nähnodel, awwer schunscht nix! Unn vergess‘ nit zu froche, ob dej Xangbuch kumme esch, die Kerz unn des neie Deckbett. De Herr Steidinger sollse mer wescher de Kücheuhr vorbeischicke. Unn bring bloss kä Speelzeig oder Rejselbilder mit!" So klang der Ruf mancher Mutter in Leimersheim, wenn die Kinder zum Einkaufen in den Laden von "de Mina" mussten. In dem Laden, der alles beherbergte, was die Hausfrauen brauchten, die Ehemänner wollten und die Kinder sich wünschten, selbst der "Herr Pfarrer" wurde fündig.

Mina
Das Schild über dem Eingang erzählte bereits einen Teil von Minas Geschichte: "Emil Boltz Wwe. Manufakturwaren". Die 30-jährige Wilhelmina Boltz verlor 1920 durch einen Unglücksfall ihren Ehemann Emil, der aus einer Schneiderfamilie stammte. Von da an musste sie, auf sich alleine gestellt, für ihre fünf Kinder sorgen, von denen das jüngste 2 Monate und das älteste Kind erst 7 Jahre alt waren. Ohne erlernten Beruf, wie es früher bei den Frauen üblich war, übernahm sie anfangs ebenfalls den Spezereihandel, der sich in diesem Haus befand.
1926 bot sie per Anzeige in einer Festschrift bereits ihre Kurz-, Weiss- und Wollwaren an, auch die "Bremer Zigarren für den Qualitätsraucher". Nach den kargen Zeiten des 2. Weltkrieges führte sie ihren Laden fort - das Sortiment wurde bunter, nach Bedarf erweitert. In den ersten Jahren musste sie ihre Waren noch selbst bei den Großhändlern einholen. So fuhr sie am Nachmttag mit einem vollgepackten Fahrrad heim: im Sommer wie im Winter von Karlsruhe oder von Landau.
Ihr "Geschäfdl" bestand aus einem großen Raum im vorderen Wohnhaus zur Straße hin. Das "Warenlager" befand sich in ihrer Schlafkammer. Das Reklameschild an der Hauswand mit "Brasser Wolle" lockte die weibliche Kundschaft. Die große Holztheke und Wandregale bis zur Decke boten Platz für 1.000 Artikel. Für den neugierigen Vorbeischlenderer waren die zwei Auslagenfenster mit dem Neuesten und stets den Jahreszeiten entsprechend dekoriert.
Im Haus dabei wohnte ihre Tochter Zenzi mit Ehemann Hermann Wünschel und den drei Söhnen Helmut, Gustav und Fritz. Dem Schabernack der Enkel ausgesetzt - was besonders die Kunden erfreute - verlor sie nie die Contenance. Adrett, im dunklen Kleid mit weißem Krägelchen gekleidet, empfing die zierliche Mina mit gleichem Respekt die große wie die kleine Kundschaft.

Schnuller, Stofftiere, Spiele, Schiefertafeln, Schulhefte, Schulbücher, Schlafanzüge
Die textile Grundausstattung der Leimersheimer Babys war inklusive der Windeln komplett. Der Schulanfang war gesichert, es gab alles: Vom Radiergummi bis zur Turnsocke. Zum Weißen Sonntag alles ganz in Weiß im Angebot. Selbst die pubertierende Dorfjugend wurde fündig! Die "Tienätscher" der Sechziger und Siebziger zwängten sich bei ihr in die engen Jeans; den Mini-Rock und den Häkelbikini in Rot verkaufte sie, jedoch mit ihrem kritischen Kopfschütteln über den Geschmack der "Juchend vun heit".

Männerhemden, Manchesterhosen, Mützen fürs Seemannsgarnspinnen, Muskelshirts
Auch die Männer kamen nicht zu kurz in Minas Manufakturwarengeschäft. Meist besorgte die Frau die Kleidung für ihren Angetrauten - außer bei den Mützen! Hier ging "Mann" am liebsten zu Mina, allein schon der Auswahl an dunkelblauen Seemannsmützen wegen. Mit einer "hochfeinen Bremer Zigarre" in der Tasche verließ der "Herr" den Laden. Nicht zu vernachlässigen war für die Herren der kleine Abstecher vis-à-vis in den "Anker", der den Einkauf zu einem guten Abschluss brachte.

Rosa-hellblau, rosa-dunkelgrau, rosa-weiß mit feiner Spitze, rosa ohne Spitze
Hinter der großen Theke, umgeben von den hohen Holzregalen, stand die zierliche Mina, den Kunden geduldig zuhörend, bemüht bei ausgefallenen Wünschen weiter zu helfen. Diese wurden bestellt bei "unseren Vertretern, dem Herrn Morlock und dem Herrn Herretsch aus Karlsruhe". Beide Herren brachten zwar den Wollmantel, die Kittelschürz‘ aus Dralon, den Faltenrock mit Karomuster und "ganz Ausgfallenes" in mitternachtsblau. Wenn sich nach der Lieferung die Damen in der Küche hinter dem Laden zur Anprobe zurückzogen, wurde die Küchentür leise und diskret abgeschlossen. Manches Textil "für die starke Frau" sorgte für Kampf zwischen Stuhl und Herd in Minas Reich. Für die weniger Modebewussten fand sich einiges "Praktisches" aus rosa Baumwolle. Die feine Nylonstrumpfhose "Bellinda" lud die Damenwelt ein zur "Wahl des Bein-Ideals 1965".

Schöner wohnen mit "den unschlagbaren Waffen einer Frau"
Auch wenn mit den "Waffen" in der Wirtschaftswunder-Werbung der elektrische Rührmixer gemeint war, so konzentrierte sich das Frauenleben auf dem Dorf doch eher auf Feld- und Gartenarbeit. Die Väter gingen nun zur Arbeit "in d‘Fabrik": in die Siemens, in d‘Mercedes, in die "Anilin". Das bedeutete ein sicheres Einkommen am Monatsende. So konnte es sich die Hausfrau in den Fünfzigern und Sechzigern erlauben, Wert auf Qualität zu legen. Die Produktionen im Industriebereich nahmen deutschlandweit um 185 Prozent zu. Auch das Frauenbild veränderte sich. Unter Adenauers Regierung war die Berufstätigkeit der Frau nur bis zur Eheschließung gewünscht. Die "moderne Frau" hatte sich um Mann, Kinder und Heim zu sorgen - und dabei die Erfüllung ihres Daseins zu sehen. Die fünfhundertausend Kriegswitwen und die vielen anderen alleinerziehenden Frauen, die ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder meist in der Landwirtschaft hart erarbeiten mussten, waren in keiner Wirtschaftswunderreklame zu finden.
Das Warenangebot von Mina spiegelte die Situation der Frauen wieder, die sie selbst aus ihrem eigenen Leben kannte. Es gab die warme Weste für die Feldarbeit, Filzsocken, aber auch kleine Dinge, die mit geringen Kosten ein wenig Glanz ins eigene Heim zauberten. Während die Männer den "Duft der großen weiten Welt" in der Wirtschaft nebenan genossen, erfreute sich die Damenwelt im Laden an Heimtextilien und Stoffen. Das Schnittbogenheft von Burda warb mit Mustern fürs Etuikleid, ebenso für die "Moderne Aussteuerwäsche" zum Selbernähen. Die Self-made-Journale sorgten für guten Umsatz bei Stoffen und Wolle; ergänzend zu den Kreationen gab es selbstverständlich die unterschiedlichsten Knöpfe, Reißverschlüsse sowie Nähgarne aller Arten und Farben, behütet aufgehoben im Schubkästchen für "Gütermanns Nähseide". Die umfassende Auswahl wurde auch von professionellen Näherinnen im Dorf wie Berta Heintz, Trud Heintz, Elisabeth Pfadt und vielen Fachkundigen geschätzt.
Waren Lametta, Weihnachtskugeln und Sterne ausverkauft, das Silvesterfeuerwerk verpufft, stand das "stoffliche" Highlight des Jahres parat, die Fasenacht! Hexen, Kleopatras, Cowboys, Schornsteinfeger und kleine Zauberinnen - alle bekamen ihre passenden Stoffe samt den Accessoires vor Ort zu kaufen. Hinter Minas lustigen Faschingsmasken versteckte sich halb Leimersheim. Hier im Laden traf sich Frau mit der Freundin, tauschte Nähideen aus, bewunderte dabei die neue Armbanduhr, gekauft natürlich bei Herrn Steidinger. Der gelernte Uhrmacher aus Linkenheim besuchte die Kundschaft von "Frau Boltz" zuhause. Neben dem Verkauf von Schmuck und hochwertigem Besteck, bestellbar aus seinen schweren Katalogen, reparierte er die Küchenuhr, Vermittlung durch Mina - mit größter Diskretion. 
Durch die Unterstützung ihrer Tochter Zenzi konnte Mina bis ins hohe Alter ihr "Gschäfdl" führen. Ihre dankbare Kundschaft blieb ihnen trotz Quelle-Katalog und Neckermann bis zum Ladenschluss 1976 treu.
Von der Windel bis zum letzten Hemd – das Ladenangebot und Minas Geschichte: Ein ganzes Leben in einem Laden.

Unvergessen bleibt die taffe Frau mit ihrem feinen Humor und ihrem Lädl für - fast alles. Und wird vermisst, bis wieder einer sagt: "Ich bräucht‘ noch Hosegummi, en Bleistift, zwä Rolle weiße Nähts, e klä Messerle, en Pack Klopapier, e kläni Nähnodel…"


Text und Recherche: Regina Flory (2021)
Quellen: Helmut Wünschel und Gustav Wünschel, Enkel / Brigitte Kamm-Tibad
Standesamtbücher Leimersheim, VGA Rülzheim
Festschrift des Krieger- und Militärvereins Leimersheim 1926 aus der Privatsammlung Karlheinz Bers
Fotografien: Fotoalbum Zenzi Wünschel / Fotoalbum Elsbeth Wolf / Privatsammlung Brigitte Kamm-Tibad 

Fehlt noch was? Hier gibt es noch mehr:
Heintz Trud (Gertrud)​, Näherin
Gustav H. Boltz, Ehemann v Lammwirts Bertel (geb. Joachim)

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