Untere Hauptstraße
Der Fremde beobachtete den Mann mit der schwarzen Schirmmütze, als dieser den großen Schiffermast beflaggte. Er sprach ihn an und fragte, wie lange dieser Mast schon steht. Der Einheimische gab gerne Auskunft: „Lang bevor de Rhei begradischt worre esch und Houchwasser katt hott, esch e Schiff doher getrewwe worre und esch off Grund geloffe. Seid demm steht do enn Schiffsmaschd.“ Der Flaggenwart drehte sich wieder um und zog die restlichen Fahnen hoch. Er schmunzelte zufrieden über den verblüfften Fremden.
Im Mai 1926 pachtete der Schiffer- und Fischerverein von der Witwe Ida Marthaler etwa zwanzig Quadratmeter ihres Grundstücks Schlossgasse 1. Als Abfindung wurden 20 Mark vereinbart. Anschließend errichteten einige Vereinsmitglieder unmittelbar vor ihrem Fachwerkhaus den ersten hölzernen Schiffermast. An Ostern 1927 fand die Mast- und Fahnenweihe durch Hochwürden Prälat Bauer aus Mannheim statt. Von Beginn an wurde der Fahnenmast an allen Fest- und Feiertagen mit seinen bunten Flaggen geschmückt. Bereits acht Jahre später ist er allerdings aufgrund von Fäulnisschäden zerbrochen, aber mit Unterstützung aus Maximiliansau konnte zeitnah wieder ein neuer Mast errichtet werden. Von 1933 bis 1945 beeinflussten die Funktionäre der NSDAP die Beflaggung, gleichzeitig kam das Vereinsleben zum Erliegen.
Durch das besondere Engagement des 2. Vorsitzenden und Flaggenwart, Jakob Keller, bekam der Schifferverein- und Fischerverein 1948 neuen Aufschwung. Der Standplatz des Fahnenmastes konnte 1953 für 270 Mark käuflich erworben werden und wieder wurde der marode Holzmast durch einen neuen ersetzt. 1954 erhielt der Standplatz eine gemauerte Einfriedung, zum Teil in Eigenleistung des Vereins. Die Schmiedearbeiten des Geländers übernahm der Schmied Albert Ochsenreither aus der Schlossgasse. Die hintere Mauer wurde geschlossen und trug anschließend in goldenen Lettern die Aufschrift „Schiffer- und Fischerverein Leimersheim 1908 e.V.“. Vereinsmitglieder pflegten den kleinen Garten um den Mast. Dort blühten in den Sommermonaten zahlreiche Blumen zwischen Anker und Schiffsschraube.
Noch in den 1950er Jahren wurde anlässlich der Kerwe die Hauptstraße rund um den bunt beflaggten Schiffermast zum Festplatz. Die Schiffer und Fischer waren eigens zu diesem Anlass auf Heimaturlaub gekommen. Die Freude über ein Wiedersehen war stets auf allen Seiten groß. Manchmal diente der Fahnenmast auch als Kulisse für ein Standkonzert des Musikvereins und fand ebenso großen Zuspruch bei den Dorfbewohnern als Spalier für die Kommunionkinder am Weißen Sonntag.
Im Mai 1958 lud der Schiffer- und Fischerverein, unter dem Vorsitz von Josef Laveuve, zum 50-jährigen Vereinsjubiläum ein. Zu diesem besonderen Ereignis fanden sich nicht nur die Leimersheimer Schiffer und Fischer ein, auch Fahrensleute aus Baden, Hessen und dem Elsass zählten zu den Gästen. Im Festgottesdienst wurde die Vereinsfahne geweiht und anschließend fand am Schiffermast, unter großer Teilnahme der Bevölkerung, eine Totenehrung statt. Der Mast war über die Toppen beflaggt, mit den Reedereiflaggen, unter denen die Leimersheimer Schiffer den Rhein und andere Flüsse befuhren. Ein großer Festumzug, mit allen geladenen Vereinen, zum Festzelt neben dem Sportplatz sowie Musik und Tanz, rundeten dieses großartige Jubiläumsfest ab.
Mit Beginn der 1960er Jahre begann in der Rheinschifffahrt und der Fischerei der Strukturwandel. Immer mehr Schiffer und Fischer verließen das Schiff und suchten sich Landberufe. Nach und nach verringerte sich die Anzahl der Reedereiflaggen. Glücklicherweise haben die Flaggenwarte stets eine Möglichkeit gefunden, beschädigte Fahnen zu reparieren oder gar von Spendern neue Flaggen zu empfangen.
Die große Beflaggung ist auch am Nikolaustag, dem Patronatstag für alle Schiffer und Fischer, zu sehen. An den übrigen Tagen sind nur die Deutschland- und Europaflagge, sowie die Flaggen der Ortsgemeinde und des St. Nikolaus-Schifferverbandes gehisst. Beim Tod eines Vereinsmitglieds weht die Deutschlandflagge auf Halbmast. Ansonsten erfordert die Trauerbeflaggung eine behördliche Anordnung. Die große und markante Dreiecksfahne des Vereins, blau mit gelber Schrift, weht nur an den Feiertagen ganz oben an der Mastspitze.
Der Holzmast musste etwa alle zwei Jahre umgelegt und abmontiert werden. Der Fahnenmast war dann für einige Wochen aus dem Ortsbild verschwunden. In vielen Arbeitsstunden wurde der Mast gründlich gereinigt und frisch gestrichen. Nach erfolgter Restaurierung stellte die eingespielte Mannschaft den Schiffermast wieder auf, samt zahlreicher Flaggenleinen, Wanten, Stenge, Gaffel und Raa.
Um die Arbeiten zu erleichtern, beschloss der Verein 1990 die Anschaffung einer Winde und 1992 war es dann soweit: Der anfällige hölzerne Fahnenmast wurde durch einen rostfreien Stahlmast (V2A-Legierung) ersetzt. Dieser ist so gefertigt, dass er im oberen Drittel abgeknickt werden kann. So bleibt die Stromleitung in unmittelbarer Nähe bei den Montagearbeiten unbeschädigt. Der Steuermann des Vereins war in diesen Jahren der Vorsitzende Rudolf Deubig. Wie schon seine Vorgänger konnte er sich immer auf die Unterstützung und den unermüdlichen Einsatz der Vereinsmitglieder verlassen. Sie alle waren durch die Eigenart ihres Berufes miteinander verbunden und hatten ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, genau wie schon ihre Väter und Großväter. Das waren jene Männer, die 1908 den Schifferverein als Hilfsgemeinschaft gründeten, nachdem innerhalb von 14 Monaten drei Schiffer ertranken und deren Familien plötzlich ohne den Ernährer dastanden. Die Hauptaufgabe des Vereins war, diese mittellosen Familien mit einer einmaligen finanziellen Hilfe zu unterstützen.
Im Rahmen der Umgestaltung der Unteren Hauptstraße wurde um 2010 die ganze Fläche um den Fahnenmast mit Pflastersteinen ausgelegt. Die Grünfläche, welche 1981 nach dem Abriss des Fachwerkhauses angelegt wurde, war damit verschwunden.
Die Grußworte von Bürgermeister Kling anlässlich des Jubiläums 1958 haben ihre Bedeutung nie verloren: „Wie oft schon hat der vereinseigene Schiffermast in seiner stolzen Beflaggung die Herzen Einheimischer höherschlagen lassen und Bewunderung bei Besuchern ausgelöst. Allein schon deshalb ist die Gemeinde dem Verein zu Dank verpflichtet. Der Schiffermast ist zum Wahrzeichen von Leimersheim geworden, er bereichert und verschönt unser Schiffer- und Fischerdorf und trägt dazu bei, dass unser Dorf bei Besuchern in guter Erinnerung bleibt.“
Der Schiffermast von Leimersheim ist mit seiner imposanten Höhe von 18 Metern nicht zu übersehen oder wegzudenken. Es bleibt zu hoffen, dass er noch viele Generationen in seinem Festkleid begeistern wird.
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Schiffer- und Fischerverein Leimersheim 1908 e.V.
Leimersheim und die Hochwasser des Rheins
Text und Recherche: Heidi Faßbender (2021)
Quellen:
- Festschrift des Schifferverein e.V. (1958), Protokolle des Schiffer- und Fischervereins
- Schwab, Alfons - Schiffer- und Fischerverein Leimersheim e. V. - Heimatbrief der Verbandsgemeinde Rülzheim Ausgaben März 1975 und Ostern 1976 - Landesbibliothek Speyer Per. 6605
- Bernhard Hoffmann, Herbert Keller, Friedel Pistor
Fotos:
- Fotosammlung der Ortsgemeinde Leimersheim und Franz Pfadt
- Fotoalben Schiffer- und Fischerverein Leimersheim
- Fotoalbum Alfons und Gisela Schwab, geb. Müller
- Fotoalbum Ernst J. Marthaler, Roswitha Heintz
hfb/gla