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Schiffer- und Fischerverein 1908

Trennung ist unser Los – Wiedersehen unsere Hoffnung

Leimersheim war immer schon eng mit dem Rhein verbunden. Seit dem 10. Jh. ist die Fischerei durch historische Quellen belegt. Als Wasserstraße bekam der Rhein nach der Korrektion durch Gottfried Tulla im 19. Jh. eine große Bedeutung. Zuvor verdienten die Treidler, deren ausgetretene Pfade noch heute entlang des Rheins zu finden sind, wie auch Kleinfischer vor Ort ihren Lebensunterhalt. Im Laufe des 19. Jh. entwickelte sich die Großschifffahrt und ermöglichte vielen Männern eine neue Berufsperspektive für ein besseres Leben. Dafür verließen sie ihre Heimat und kamen „rum“.

Binnenschiffer absolvierten in dreijähriger Lehrzeit ihre theoretische Ausbildung in einer Schiffer­schule, z. B. in Homberg. Neben Gewässerkunde, Schiffbaulehre, Maschinen- und Motorenkunde erhielten die „Schmelzer“ auch Kochunterrichtet. Die praktische Ausbildung erfolgte auf einem Schlepp-, Fracht- oder Tankschiff. Mit Patenten wurde die Ausbildung zum Matrosen, Steuermann, Lotsen oder Schiffsführer beurkundet.

Familien waren häufig gemeinsam an Bord. Die Schulzeit verbrachten die Kinder jedoch im Schifferkinderheim oder gemeinsam mit ihren Müttern zuhause „an Land“. Diese Lebensweise spiegelt sich im Aufdruck der Fahne des Vereins wider: „Trennung ist unser Los – Wiedersehen unsere Hoffnung“.

Leimersheimer gründeten 1908 den ersten Schiffer- und Fischerverein. Neben den Schiffsleuten gehörten dem Verein auch Lotsen, Arbeiter beim Wasserbau und dem so Wasser verbundene Menschen an. Mit dem 1. Weltkrieg erlosch das Vereinsleben des Schifferverbandes und damit auch des hiesigen Vereins. Die Neugründung als „Schifferverein“ – „zwecks gesellschaftlichen Verkehrs“ - erfolgte am 2. April 1923 im Gasthaus zum Anker. Als guten Grundstock für gemeinsame Unter­nehmungen zahlten die 28 Gründungsmitglieder (kurz vor der Inflation) Einstandsgelder zwischen 50 und 2.400 Mark, insgesamt 31.090 Mark, in die Vereinskasse ein. Die Vereinsführung bildeten: Simon Heidt: Vorstand, Max Laveuve: Schriftführer, Julius Schwab: Rechner.
Auszug aus den Statuten von 1923:
§ 1 Der Verein hat die Absicht, durch gesellschaftliche Zusammenkünfte geschäftliche Interessen zu pflegen, Erfahrungen und Meinungen auszutauschen und durch einträgliches Zusammenwirken dem Gewerbe Schutz und Gedeihen zu verschaffen.
§ 5 Jedem verstorbenen Mitglied wird ein Sterbekranz und ein Sterbeamt gestiftet.
§ 15 Jedes Mitglied hat sich eines gesitteten, ordnungsliebenden und verträglichen Benehmens zu befleißen.


An zentraler Stelle errichtete der Verein 1926 den ersten Schiffermast an seinem heutigen Standort östlich der Kirche, er ist bis heute das prägende Wahrzeichen unserer Gemeinde. Bezeichnend für das Leben der Schiffer ist ein Beschluss aus dem Jahr 1928, die Weihnachtsfeier „am 1. Weihnachtsfeiertage festzulegen, weil verschiedene Mitglieder morgens früh am 2. Feiertage wieder mit der Bahn abreisen müssen“. Am Ostermontag 1927 feierte der Verein die Weihe der Vereinsflagge und des Schiffermastes. Zur gleichen Zeit erfolgte der Beitritt zum St. Nikolaus-Verband in Mannheim.

Wie vor dem 1. Weltkrieg kam auch vor dem 2. Weltkrieg das Vereinsgeschehen zum Erliegen. Aus dem Protokoll vom Dezember 1939: „Ferner wurde beschlossen, dass die Quartalsgelder vom letzten Quartal 1939 nicht erhoben werden, auch fernerhin soll kein Beitrag erhoben werden, bis der Verein wieder in der Lage ist, ein Fest abzuhalten, wobei größere Ausgaben entstehen, indem während der Kriegszeit keine weltlichen Feste abgehalten werden dürfen.“

Im Jahr 1948 wurde der Verein erneut „Schiffer- und Fischerverein“ genannt. Der Grund: die Eigner der Aalschokker kamen aus dem Schifferstand. Die Aalschokkerflotte war auf 12 Fahrzeuge ange­wachsen. In den 1950er Jahren mit Beginn der Nachtschifffahrt konnten die Aalschokker nicht mehr nachts im Rhein verankert werden. Die Aalfischerei wurde eingestellt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden 1952 in den Vorstand gewählt: 1. Vorstand: Josef Laveuve, 2. Vorstand: Jakob Keller, Rechner: Karl Michael Kuhn, Schriftführer: Hermann Weschler; die weiteren Vorstands­mitglieder: Heinrich Kuhn I., Heinrich Kuhn II., Wilhelm Kuhn, Eduard Schwab, Eduard Wingerter.

Das 50jährige Vereinsjubiläum mit Fahnenweihe an Pfingsten 1958 war ein großes Fest. Der 1. Vorsitzende Josef Laveuve begrüßte die zahlreichen Gäste zum Festbankett am Samstagabend. Musikkapelle, Männerchor und Cäcilienverein sorgten gemeinsam mit dem lokal bekannten Heimatdichter „Bellemer Heiner“ für fröhliche Stunden.
Höhepunkt des Jubiläums war der Festgottesdienst am Sonntag. Schifferpfarrer Weinmann weihte die neue Vereinsfahne mit der Aufschrift „Trennung ist unser Los – Wiedersehen unsere Hoffnung“. Ein Segelschiff und der Namenspatron der Schiffer, der heilige Nikolaus, zieren die Fahne. Mit einer Kranzniederlegung am Schiffermast wurde der Toten des Vereins gedacht. Ehrengäste in Kutschen, Gastvereine von Neckar und Rhein begleitet von Gastherren und Ehren­damen, eine Reitergruppe, Buben auf geschmückten Rädern, örtliche Vereine und ein Spielmannszug defilierten zum Festzelt. Nach feierlichen Ansprachen und Ehrungen folgte ein gemütliches Beisammensein mit Tanz. Der Festausklang am Pfingstmontag beschloss das gelungene Jubiläum.
Für die neu errichtete Kirche stiftete der Verein die vierte Glocke mit der Inschrift: „St. Nikolaus - gestiftet vom Schiffer- und Fischerverein Leimersheim“. Bis heute läutet die kleine Glocke am 6. Dezember, dem Namenstag des heiligen Nikolaus, zur Messe für die verstorbenen Mitglieder des Vereins.
Nach 30jähriger Amtszeit stellte sich 1982 der 1. Vorsitzende Josef Laveuve in der General­versammlung nicht mehr zur Wahl. Als neuer 1. Vorsitzender wurde Rudolf Deubig gewählt, der bis 2003 den Verein führte.

Das 75jährige Vereinsjubiläum beging der Verein im Jahr 1983. Ein Jahrhunderthochwasser vor dem Fest bereitete den Planern Sorgen, da es den Festplatz zu überschwemmen drohte. Die Katastrophe blieb Gott sei Dank aus und so konnte zusammen mit Gastvereinen von Basel bis Neckargerach ein heiteres Bankett und ein Festzug begangen werden. Landrat Stöckle und Verbandsbürgermeister Braun überbrachten Grußworte. Generalpräses Pfarrer Weinmann und der Ehrenvorsitzende Josef Laveuve trugen mit interessanten Beiträgen zum Gelingen des Festes bei.

Sein 100jähriges Jubiläum feierte der Schiffer- und Fischerverein im Jahr 2008. Der 1. Vorsitzende Bernhard Hoffmann begrüßte im Bürgerhaus Landrat Brechtel, Verbands- und Ortsbürgermeister. Die Messe für die verstorbenen Vereinsmitglieder zelebrierte Pfarrer Hubert Trauth.

Während in den 50er Jahren der Verein rd. 75 Mitglieder zählte, sind es derzeit 40 Vereinsmitglieder. Dies ist begründet durch den Strukturwandel in der Rheinschifffahrt. Transporte mit Schubschiffen und die Continuofahrt (24-Stunden-Schicht) bewogen viele Leimersheimer andere Berufe zu wählen oder in den Ruhestand zu gehen. Auch das verbesserte Arbeitsplatzangebot durch Industrieansied­lungen hat diese Entwicklung begünstigt. So ist heute kein Vereinsmitglied mehr „auf dem Wasser“ beruflich tätig, jedoch haben alle eine besondere Verbindung zum Rhein.

Mit der Festtagsbeflaggung des Schiffermastes „über alle Toppen“ wird eine gute Tradition gewahrt. Der jährliche Ausflug, die Weihnachtsfeiern und Kameradschaftsabende festigen bis heute die Gemeinschaft und Geselligkeit. So manches „Seemannsgarn“ wird dabei gesponnen, wie die Anekdote eines „Schiffischen“ zeigt. Der nach dem Grund seiner Havarie im Nebel Befragte gab an: „Pletzlich esch en Brickepfeiler off mich zug’stiefelt kumme.“


Text und Recherche: Gertrud Schwab (2022)
Koordination: Regina Flory
Bildbearbeitung: Regina Flory

Quellen: 
Protokolle des Schiffer- und Fischervereins (1908-1980)
Ernst Marthaler, Ortschronik "Leimersheim - Die Geschichte eines Dorfes am Rhein" (2002)
Fotografien:
Fotoalben des Schiffer- und Fischervereins 
Fotoalbum Josef (Sepp) Laveuve


Wer noch etwas weiterschippern möchte:
Josef (Sepp) Laveuve
Schiffermast
Aalschokker


flo

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