Beruf(e):
Metzger
Geburtsdatum: 17.01.1934
Geburtsort: Rheinzabern
Wohnort(e):
Leimersheim
Heirat am 10.10.1956 in Leimersheim mit Hildegard Anna Schardt, * 14.01.1932 in Leimersheim, + 22.01.2014 in Leimersheim (Vater: Adolf Schardt und Maria Lutz)
Kinder: Nikolaus Otto (* 04.08.1957 in Rheinzabern, +22.07.1977 in Heidelberg), Jürgen, Helmut, Bernhard, Robert
Eltern: Otto Sittinger III. *06.03.1905 in Rheinzabern, + 29.01.1939 und Walburga Ochsenreither *13.09.1908 in Leimersheim, + 01.06.1964, Heirat 06.01.1932 in Leimersheim
Geschwister: Elisabeth Sittinger (verh. Liebel) *07.06.1938 + 06.06.2018
Mein erstes Leben als Metzger
Aus den Lebenserinnerungen von Werner Sittinger
Am 17. Januar 1934 erblickte ich in Rheinzabern das Licht der Welt. Ich war das erste Kind meiner Eltern. Meine Mutter, Walburga geborene Ochsenreither, war am 13. September 1908 in Leimersheim geboren und mein Vater Otto war am 6. März 1905 in Rheinzabern zur Welt gekommen. Sie wohnten bei den Eltern meines Vaters in Rheinzabern. In diesem Haus waren eine Gastwirtschaft und eine Metzgerei.
Mein Vater war Metzger und führte die Metzgerei. Die Gastwirtschaft bewirtschafteten meine Eltern und meine Großeltern gemeinsam. Mein Großvater hatte auch noch eine kleinere Landwirtschaft. Für die Bewirtschaftung seiner Äcker hatte er zwei Kühe im Stall. Neben diesem Rindvieh fütterte er jedes Jahr mehrere Schweine.
Am 6. Juli 1938 spielte ich im Hof am Sandkasten, da kam mein Vater, nahm mich bei der Hand und führte mich in das Elternschlafzimmer. Dort lag meine Mutter und hatte ein kleines Kind bei sich im Bett. Mein Vater sagte, der Storch hat uns ein kleines Mädchen gebracht. Es war meine Schwester Elisabeth.
Das zweite Ereignis, an das ich mich noch sehr gut erinnere, war nicht so schön. Es war am 29. Januar 1939, man führte mich wieder ins Elternschlafzimmer. Im Bett lag mein toter Vater. Was ich nie vergesse: Man hat ihm mit einer Binde den Unterkiefer hochgebunden. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals geweint habe.
Nach dem Tod meines Vaters zog meine Mutter im Frühjahr 1939 wieder zu ihrer Mutter, meiner Großmutter, nach Leimersheim. Meine Mutter erhielt keine Rente, da von meinem Vater keine Rentenmarken geklebt wurden und auch keine Lebensversicherung abgeschlossen war.
Das Haus in Leimersheim war ein sehr großes zweistöckiges Haus. Es wurde von meinem Großvater Johann Philipp alias Jean Ochsenreither erbaut, den ich nicht kannte, da er im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen war. Es war ein Geschäftshaus, eine Metzgerei. Im Erdgeschoß waren neben dem Verkaufsladen noch drei Zimmer und eine kleine Küche. Im Obergeschoß waren vier Schlafzimmer. Im Anbau, der sich direkt an das Wohn-Geschäftshaus anschloss, befanden sich die Wurstküche, das Schlachthaus, zwei Schweineställe, das Plumpsklo und der Hühnerstall. In der sehr großen Scheune waren zwei Kuhställe untergebracht. Hinter der Scheune war ein kleinerer Garten. Das Anwesen war besser als das in Rheinzabern.
Im Hause meiner Großmutter Berta, die von mir "Mamam" genannt wurde, lebten meine Tante Maria, mein Onkel Alfons, mein Onkel Hermann (mein Taufpate) mit seiner Frau Kathel (Katharina) und seine Tochter Hanne (Johanna). Da in den Kriegsjahren meine beiden Onkel bei der Wehrmacht waren, war ich die einzige männliche Person in einem Sechs-Frauenhaus.
Meine Mamam war eine sehr fromme, gottesfürchtige Frau, die dafür sorgte, dass bei uns alles sehr sittsam zuging. Wenn zum Beispiel meine Schwester oder meine Cousine Hanne auf dem Sofa saßen und ihr Rock über das Knie rutschte, gab Mamam sofort das Zeichen, dass sie den Rock über das Knie zogen. Damals war noch das Nüchternheitsgebot für den Kommunionempfang. Mamam, die ein Zahngebiss trug, putzte am Abend vor dem Kommunionempfang sehr intensiv ihr Gebiss, legte es über Nacht in ein Wasserglas und reinigte dieses Gebiss am nächsten Morgen vor dem Kommunionempfang mit einem Geschirrtuch sehr gründlich, damit ja kein Wassertropfen an den Zähnen war. Es hätte ja sein können, dass sie einen solchen Tropfen schluckte und somit nicht mehr nüchtern ist. Sie war jedoch meine liebste Oma, und ich schätzte sie sehr.
Die Finanzen bei uns waren nicht sehr rosig. Meine Oma erhielt eine Kriegerwitwenrente, meine Tante Maria arbeitete als Näherin und meine Mutter war eine Zeitlang bei der Milchgenossenschaft angestellt und betreute die Milchsammelstelle in Leimersheim. Später erhielt sie aus dieser Beschäftigung eine kleine Rente. Für den Lebensunterhalt bebauten wir einige Äcker mit Getreide, Kartoffeln, Gurken und Gemüse aller Art. Ein Teil der Ernte wurde verkauft, mit einem anderen Teil wurden Schweine gefüttert, die dann verkauft oder eines für uns geschlachtet wurden. Wir mussten auf den Äckern sehr viel per Hand erledigen, da unser Bauer Schardt Fritz und Schardt Hermann nur die Äcker pflügten und abeggten. Das Getreide wurde per Hand mit der Sense gemäht. Ich musste oder durfte schon mit 13 Jahren das Getreide mähen. Das machte ich auch lieber als die anderen Arbeiten bei der Getreideernte. Die Feldarbeit war oft sehr schwer, aber wir hatten auch sehr viele schöne Stunden in der frischen Luft auf dem Felde. Beim Kartoffelstecken und beim Ausmachen musste ich auch schon sehr früh mithelfen. Beim Stecken bekam ich ein kleineres Stück als die Erwachsenen. Das Schönste war immer die Vesperzeit auf dem Acker.
Ein Ereignis ist mir noch in sehr guter Erinnerung. Es war in den Kriegsjahren. Ich war mit Mamam und meinem Schulkamerad Heintz Paul am Baumgarten. Wir hörten wohl die Sirenen für den Fliegeralarm, aber zu dieser Zeit nahm man dies nicht mehr wahr. Plötzlich hörten wir die Tiefflieger, die über den Rheinwald flogen und die Rheinfähre beschossen. Mamam sagte: "Kommt, wir gehen unter den Nussbaum, der am Ende unseres Ackers steht!" Da die Schießerei immer stärker wurde, rannten wir gemeinsam, Paul und ich hatten Mamam in der Mitte, und wir führten sie zum Nussbaum. Auf dem Weg zum Baum sahen wir wie die Jagdflieger vom Wald her über die Äcker flogen. Wir erreichten den Baum noch rechtzeitig. Als wir unter dem großen Nussbaum standen, hörten wir, wie die Bordgranaten in die Dickrüben im Nachbaracker einschlugen. Mamam meinte, da hatten wir einen sehr guten Schutzengel.
Da mein Vater auch Metzger war, legte mir mein Großvater in Rheinzabern nahe, dass auch ich Metzger werden soll, um die Gastwirtschaft und Metzgerei in Rheinzabern zu übernehmen.
Nach dem Abschluss der Volksschule lernte ich bei meinem Onkel Hermann vom 1. April 1948 bis 31. Juli 1951 den Beruf des Metzgers.
Die Berufsschule in Germersheim besuchte ich vom 30. August 1948 bis 30. September 1951. Ich fuhr jeden Dienstag mit dem Fahrrad von Leimersheim nach Germersheim. An schönen Tagen fuhr ich auf dem Rheindamm, sonst über Kuhardt, Hördt und Sondernheim.
In den Nachkriegsjahren hatten wir in Leimersheim vier Metzgereien. Diese vier Metzger schlachteten jede Woche gemeinsam ein Rind. Dieses wurde gevierteilt und per Los an den Einzelnen vergeben. Die Verlosung geschah wie folgt: Zwei Metzger bekamen ein halbes Rind; dieses wurde unter den zwei geteilt; der eine bekam das Hinterviertel und der andere das Vorderviertel. In der nächsten Woche bekam der erste das Vorderviertel und der zweite das Hinterviertel. Mit den Innereien wurden vier gleiche Teile gemacht. Einer der Metzger musste sich umdrehen, damit er nicht die vier Teile sah. Ein anderer deutete nun auf den einzelnen Teil und fragte: "Wem gehört dies?" Derjenige, der die Teile nicht sah, nannte nun einen Namen der vier Metzger; diesem gehörte nun das Teil.
Der älteste Metzger war Heintz Johannes. Wenn wir im Sommer schlachteten und es sehr heiß war, sagte er oft: "Ein halber Meter Schnee müsste jetzt liegen." Im Winter, wenn es kalt war, sagte er: "30 Grad Hitze müsste jetzt sein." So ist er mir noch in guter Erinnerung.
Die anderen Metzger waren Ochsenreither Franz im Hasenpfuhl und Dörrler Hugo.
Die Lehrzeit war für mich nicht einfach, da ich ja im Hause mit meinem Onkel wohnte. Ich hatte auch immer den Eindruck, dass ich nicht allzu viel lernte und ich mich wunderte, dass ich die Gesellenprüfung bestand. Meine Gesellenprüfung legte ich im September 1951 ab.
In meiner Lehrzeit erhielt ich folgenden Wochenlohn: 1. Jahr 2 DM, 2. Jahr 3 DM und 3. Lehrjahr 5 DM. Mein Onkel vergaß an Weihnachten regelmäßig mir meinen Lohn zu zahlen, da ich ja von ihm als Weihnachtsgeschenk immer einen Schlafanzug erhielt.
Nach meiner Lehre arbeitete ich bis 1956 bei verschiedenen Metzgermeistern um meine beruflichen Kenntnisse zu erweitern, außer bei meinem Onkel in Leimersheim: in Neustadt, Kandel, Knielingen, Rodalben, Karlsruhe und Leopoldshafen. Die tägliche Arbeitszeit begann zum Teil um 4 Uhr und ging bei manchen Metzgern bis abends 21 Uhr.
Eines Tages musste ich für meinen Onkel Hermann einen Bullen in Hatzenbühl holen, der zum Schlachten bestimmt war. Da zu dieser Zeit die Leimersheimer Metzger noch keine Autos mit Viehanhänger hatten, musste der Bulle zu Fuß von Hatzenbühl nach Leimersheim geführt werden. Da er, nach Ansicht meines Onkels, kein großer Bulle sein konnte, sollte ich ihn alleine holen.
Ich fuhr mit dem Milchauto, das die Milch von der Leimersheimer Milchsammelstelle für die Molkerei in Hayna abholte, nach Hatzenbühl. Als ich dort zu dem Bauer kam, mich vorstellte als der Metzgergeselle, der das "Bullchen" abholen soll, lachte dieser und sagte: "Bullchen?! Das ist ein ausgewachsener Bulle. Ich binde ihn dir an und führe ihn bis vor mein Haus, dann musst du sehen, wie du mit ihm einig wirst." Gesagt, getan!
Ich nahm den Bullen am Strick, in meiner linken Hand hatte ich einen ca. 3 cm dicken und ca. 60 bis 70 cm langen Stock von einem Schwarzdorn, der diente dazu den Bullen durch Schläge auf den Kopf beim Laufen zu bremsen.
Der Bulle legte sofort ein Tempo hin, dass ich alle Mühe hatte ihn zu führen. Von wegen Schläge auf den Kopf, diese hatten bei diesem Vieh keine Wirkung. Da ich ein guter, um nicht zu sagen ein sehr guter Sportler war (Kurz- und Mittelstreckenläufer, immerhin hatte ich einige Prämien für den ersten Platz im 2000 und 5000 Meter Lauf), konnte ich das Tempo des Bullen sehr gut mithalten. Ich musste nur aufpassen, dass ich ihn immer auf der festen Straße führte, denn da waren wir gleichwertig. Hätte er den weichen Boden eines Ackers unter seinen Hufen gespürt, wäre ich verloren gewesen. Dieses Tempo hielt der Bulle von Hatzenbühl durch Rheinzabern bis zur Wanzenheimer Mühle, zwischen Rheinzabern und Neupotz. Da blieb er plötzlich stehen und ging keinen Schritt mehr weiter.
Zunächst versuchte ich es mit guten Worten, zog ihn mit dem Strick, dann schlug ich ihm auf seine Hinterfüße, drehte ihm den Schwanz um, was bei anderen immer gut gewirkt hatte, aber bei ihm war alles zwecklos. Nach einer Weile, für mich war es eine halbe Ewigkeit, kam mein Onkel Hermann mit Dörrler Hugo sen. per Fahrrad, um nach mir zu schauen, weil sie ja in Leimersheim auf mich warteten. Nun zu dritt ging es dann doch weiter und wir konnten an diesem Tag den Bullen noch schlachten.
Vom 13. Februar bis 10. März 1956 besuchte ich die "1. Bayerische Fleischerschule Landshut" und legt am 9. März 1956 meine Meisterprüfung mit der Gesamtnote sehr gut ab.
Meine damalige Freundin Hildegard, die ich 1951 bei einer „Kappensitzung mit Tanz“ in der Gaststätte Adler kennenlernte, und ich hätten ja auch gerne, wie alle anderen Hochzeitspaare an einem Samstag geheiratet. Da es aber für die Metzgerei meines Taufpaten, Onkel Hermann, eine finanzielle Einbuße gewesen wäre, wenn er an einem Samstag seinen Laden nicht geöffnet hätte, mussten wir unseren Hochzeitstag auf einen Mittwoch, den 10. Oktober 1956, legen. Für Pfarrer Paul Steeg war es die erste Trauung in Leimersheim. Er kam am 20. August 1956 in unsere Pfarrei.
Am Freitag, den 12. Oktober 1956, fuhren wir nach Rheinzabern zu meiner Großmutter, bei der wir wohnten und die Gastwirtschaft und die "Metzgerei" führten. Das heißt, wir schlachteten jede Woche ein Schwein und kauften im Schlachthof in Karlsruhe ein Viertel Stück Rind. Dieses wurde zum Teil zu Wurst verarbeitet und im alten Laden verkauft bzw. in der Gastwirtschaft als Essen angeboten. Wir waren in Rheinzabern vom 12. Oktober 1956 bis 28. Februar 1958. Hier wurde 1957 auch unser erster Sohn Klaus geboren
Von Montag bis Mittwoch arbeitete ich zusätzlich bei einem Metzger in Leopoldshafen, der sehr gut bezahlte. Und in den Wintermonaten machte ich noch täglich eine Hausschlachtung. Pro Hausschlachtung, für die ich im Durchschnitt 7 bis 8 Stunden Zeit benötigte, bekam ich 8 bis 12 DM, je nach Größe des Schweins.
Vom 13. Januar 1958 bis 19. Mai 1958 arbeitete ich als Küchenmetzger im großen Bürgerbräu in Ludwigshafen. Ich fuhr täglich morgens mit dem ersten Zug nach Ludwigshafen und kam abends gegen 19 Uhr zurück.
Der Umsatz in der Gastwirtschaft „Zum Lamm“ in Rheinzabern ging zurück; manchmal betrugen die Tagesumsätze nur 8 bis 15 DM.
Als dann Renovierungsarbeiten anstanden, die wir nicht übernehmen konnten, entschlossen wir uns im Februar 1958 die Gastwirtschaft aufzugeben und nach Leimersheim zu ziehen. Wir wohnten bei Hildegards Tante Marie am Schafgartendamm. Hier hatten wir zwei Zimmer, eins für die Küche und eins als Schlafzimmer. Beide Zimmer waren nicht sehr groß. In der Küche, wo 1958 unser zweiter Sohn Jürgen auf die Welt kam, hatten wir keinen Wasseranschluss. Wir mussten das Wasser in der Küche von Tante Marie holen. Tante Maries Ehemann war der Weschler Karl, der im ganzen Dorf als ein sehr komischer Kerl bekannt war. Von dieser Eigenart bekam Hildegard sehr viel zu spüren. Das Plumpsklo war in der Scheune.
Als wir wieder in Leimersheim waren, ging ich zur Musikkappelle und lernte Tenorhorn spielen. Die Musikkapelle war zu diesem Zeitpunkt dem Heimatbund angeschlossen. Wir, die Musiker, gründeten im Oktober 1958 den Musikverein Leimersheim, der sich in kurzer Zeit zum stärksten örtlichen Verein entwickelte. In diesen Gründungsjahren war ich erster Vorsitzender bis 1976. Im Jahre 1960 haben wir unter meiner Leitung das Bezirksmusikfest durchgeführt, das ein großer Erfolg für uns war. Bei unseren Frühjahrs- und Herbstkonzerten, die alljährlich durchgeführt wurden, führte ich durch das Programm. Als ich 1976 den Vorsitz abgab, wurde ich zum Ehrenvorsitzenden ernannt.
Vom 16. Februar bis 13. November 1959 arbeitete ich als Bauhilfsarbeiter bei der ARGE Reaktorbau in Leopoldshafen. In dieser Zeit wurde unser dritter Sohn Helmut geboren.
Vom 1. bis 30. April 1960 arbeitete ich als Waldarbeiter bei der Gemeindeverwaltung Leimersheim.
Diese Arbeiten führte ich aus, da ich hier mehr verdienen konnte als im Metzgerberuf. Bei der ARGE wurde ich als Eisenflechter bezahlt, war beim Kaminbau eingesetzt und erhielt neben Akkordlohn auch noch Höhen- und Schichtzulagen. Bei der Gemeinde arbeitete ich mit meinem Schwager Waldemar Schardt ebenfalls als Akkordarbeiter; wir schälten Holz. Nachmittags kam meine Frau Hildegard mit den Kindern zu mir und half mir beim Schälen der Baumstämme.
In den Wintermonaten arbeitete ich als Hausmetzger. An manchen Tagen machte ich zwei Hausschlachtungen. Diese Arbeit ging sehr in die Knochen. Besonders bis das Schwein getötet, gebrüht, entborstet und aufgehängt war.
Einmal hatte ich ein Erlebnis, das ich nicht vergessen kann. Ich sollte bei Hoffmann Lui in der Großen Gasse eine Hausschlachtung durchführen. Es waren aber nur die drei Frauen da, die mir helfen sollten. Ich sagte ihnen, ich werde in den Saustall gehen, um das Schwein anzubinden. Sie sollen in der Zeit von außen die Stalltür verriegeln, damit das Schwein nicht abhauen kann. Die Drei lehnten sich jedoch nur gegen die Tür. Deshalb konnte mir das Schwein entwischen und rannte in den Hof. Die Frauen waren erschrocken, schlugen die Tür zu und verriegelten diese. Ich war nun im Stall eingesperrt und das Schwein rannte im Hof umher. Zum Glück sah dies der Nachbar Kuhn Leo und befreite mich aus dieser Lage.
1958 kauften wir ein Grundstück in der Friedhofstraße und setzten den dort von Richard Wolf (Maudacher) begonnenen Hausbau fort. Aus versicherungstechnischen Gründen war ich 1960 mehrere Monate bei dem Bauunternehmer Josef Götz als Bauhilfsarbeiter angemeldet, d.h. ich arbeitete bei ihm auch auf anderen Baustellen. Für den eigenen Hausbau stellte er mir einen älteren Bauaufzug kostenlos zur Verfügung. Mit diesem Gerät konnten wir alle Baumaterialien in die oberen Stockwerke befördern. Der Mörtel zum Mauern wurde per Hand in einer sehr großen Eisenwanne (ca. 1,50 x 3 m) angerührt. Diese Arbeit wurde zum Großteil von Hildegard erledigt. Den Mörtel musste ich mit einem Eimer in die Speiskübel der Maurer schütten. Zudem musste ich alle Steine dem Handwerker an den Arbeitsplatz setzen. Bei dieser Arbeit half mir auch immer meine Frau. Ich ging schon sehr früh an den Bauplatz, Hildegard kam dann später mit den Kindern und machte den Mörtel an. Es war für uns eine sehr harte Zeit. Unser Arbeitstag war von früh 5 Uhr bis abends 22 Uhr und manchmal auch länger.
Wir hatten zwar in Leimersheim schon die Wasserversorgung. Das Schmutzwasser musste jedoch, bevor es in den Abwasserkanal floss, durch eine hauseigene Klärgrube laufen. Der Schlamm, der sich in der Grube absetzte, musste so alle 2 bis 3 Monate geleert werden. Ochsenreither Fritz hatte für die Leerung der Klärgruben in den einzelnen Häusern ein spezielles Fahrzeug gekauft und führte die Leerungen aus. Sein für die Leerung angestellter Mitarbeiter war Helmut Meier; er wurde deshalb „der Puhlmeier“ genannt. Erst im Jahre 1966 wurde die Kläranlage der Gemeinde in Betrieb genommen. Wir haben dann unsere Klärgrube zugeschüttet.
Kurz vor Weihnachten 1960 zogen wir in unser neues Haus in der Friedhofstraße ein. Es waren jedoch nur folgende Zimmer fertiggestellt: Küche, Elternschlafzimmer und ein Kinderschlafzimmer. Die anderen Zimmer waren zwar verputzt, jedoch nicht bewohnbar, da noch kein Fußboden eingebaut war. Im "Bad" war nur die Toilettenschüssel angeschlossen. Wir hatten eine alte Zinnbadewanne und einen Sägemehlofen im Bad, dadurch hatten wir die Möglichkeit an den Samstagen zu baden. Wir mussten auf den Sägemehlofen eine Einkochkanne stellen, dadurch hatten wir warmes Wasser.
Die Treppe zum Speicher hin war oben offen, so dass die Kälte vom Speicher in unseren Hausgang herunterfiel. In dieser Zeit, im Januar 1961, kam unser vierter Bub, Bernhard, zur Welt. Die Hebamme hatte Angst, er könnte im Schlafzimmer erfrieren, da wir ja nur in der Küche mit dem Herd heizen konnten. Sonst war in unserem Hause keine Heizung vorhanden.
Am 26. Januar 1961 eröffneten wir unsere Metzgerei in der Friedhofstraße. Wir waren gespannt, wie unser Geschäft ankommt. Meine Frau Hildegard hatte sich sehr schnell in die Arbeiten in Wurstküche, Schlachthaus und Laden eingearbeitet. Meine Mutter half mir in der Wurstküche und im Laden. Meine Schwiegermutter war unser Kindermädchen und "Köchin".
Meine Arbeitszeit begann morgens zwischen 4.30 und 5 Uhr und endete meistens gegen 22 Uhr. Auch meine Frau hatte eine sehr harte Zeit, für sie war der Arbeitstag auch nicht kürzer, und sie musste nachts nach den Buben schauen, wenn diese weinten.
Uns war bewusst, dass am Anfang viele Kunden nur wegen der Neugier bei uns einkauften. Ich hatte als erster Metzger in Leimersheim eine sehr große Auswahl an Wurstaufschnitt. Neben der im Ort bekannten Aufschnittsorten wie Bierwurst, Schinkenwurst, Zungenwurst und Paprikawurst erhielten die Kunden bei uns noch fünf bis acht verschiedene Arten von Wurstpasteten, die ich selbst herstellte. Diese Herstellung nahm sehr viel Zeit in Anspruch; insbesondere die Wildschwein- und Schachbrettpastete.
Nach ca. einem halben Jahr hatten sich dann unsere Stammkunden gefunden. Ich hatte vor, zunächst die Arbeit noch alleine zu erledigen und dann im zweiten Jahr einen Lehrling anzustellen. Mein Schwager, Werner Ganz, half mir oft an den Abenden beim Putzen der Wurstküche und Schlachthaus.
Wenn die Brühwurst aus dem Kessel genommen wurde und nach der Abkühlung im kalten Wasser an Wurststangen aufgehängt war, kam als unser Klaus und fragte: „Papa, darf ich ein Wienerle essen?“ Nachdem ich ihm einmal gesagt hatte, wenn eins zu Boden fällt, darf er es essen, tippte er so lange mit seinen Fingerchen an die Würstchen, bis eins zu Boden fiel.
Leider mussten wir unsere Metzgerei schon wieder am 20. Mai 1962 schließen, nachdem bei mir Lungentuberkulose festgestellt wurde. Diese Mitteilung war für mich damals so schlimm, wie wenn man heute eine Mitteilung bekommt, dass man Krebs hat.
Am 22. Mai wurde ich in das Städtische Krankenhaus in Landau eingeliefert. Die dort begonnene Behandlung mit mehreren Medikamenten wurde ab dem 10. Juli 1962 im Sanatorium Trifels in Eußerthal fortgeführt einschließlich der erforderlichen Liegekuren.
Unsere Buben Klaus, Jürgen und Helmut mussten in die Kinderklinik nach Scheidegg. Hildegard und ihre Mutter brachten die Buben mit dem Zug nach Scheidegg. Während Hildegard bei der Anmeldung die Formalitäten erledigten, wurden die Buben von den Nonnen geholt, und Hildegard durfte sich nicht mehr von ihnen verabschieden.
Helmut blieb ein halbes Jahr und die beiden Großen, Klaus und Jürgen, ein ganzes Jahr in Scheidegg. Auch diese Zeit war für Hildegard sehr hart und schwer.
Die Familie kam erst im Sommer 1963 wieder zusammen.
Den Metzgerberuf durfte ich nicht mehr ausüben. Ich wurde vom 13. April 1964 bis 10. April 1965 in Heidelberg zum EDV-Kaufmann umgeschult. In der Anfangszeit meiner Umschulung starb meine Mutter. Sie wurde nur 56 Jahre alt.
Metzgerei SIttinger
Quellen:
Text: Werner Sittinger
Sittinger Werner, Memoiren – Lebenserinnerungen, unveröffentlicht
Sittinger Helmut, Seuchenbekämpfung führte zur Trennung, Die Rheinpfalz – Germersheimer Rundschau, 20.4.2021
Fotos aus dem Privatarchiv Sittinger
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Enkelin / Enkel von: Ochsenreither Johann Philipp