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Schneiderei Carl Josef Hodapp

Untere Hauptstraße 43

Schneidereigeschäft - ehemals Hauptstraße 7 und 43
 
Carl Josef Hodapp hatte in Oppenau im Schwarzwald, der Heimat seines Vaters, eine Schneiderlehre 1908 mit der Gesellenprüfung abgeschlossen (Bild2). Nach seinen Lehr- und Wanderjahren im badischen Ortenau-Kreis, seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg und langer französischer Gefangenschaft kam er 1920 nach Leimersheim, dem Heimatort seiner früh verstorbenen Mutter Catharina, geb. Heintz.
Er heiratete 1921 dort die älteste Tochter der Witwe Clara Horn, geb. Keller und übte ab dieser Zeit in Leimersheim sein erlerntes Handwerk aus. Wohnung und Geschäftsadresse war das Horn´sche Anwesen in der früheren Hauptrasse 7 neben dem Gasthof „Zum Anker“ (Bild3). Im gleichen Jahr legte er die Meisterprüfung für das Schneiderhandwerk in Germersheim ab (Bild4).
Aus dieser Zeit gibt es noch ein handschriftliches Dokument für „wen, was und wie teuer“ geschneidert wurde (Bild5). So hat als Beispiel – der damalige „Müller-Bäcker“ Franz Ludwig für seinen Sohn Franz Gottfried einen Anzug für 60,05RM fertigen lassen, den er mit 30RM anzahlte und dann mit einer Restzahlung von 30,05RM im Februar 1921 erwarb (markiert mit Pfeil). Sein Engagement im Turnverein und im Krieger- und Militärverein Leimersheim ließen ihn schon 1926 zu einfallsreichen, originellen Werbemaßnahmen greifen (Bild6).
Nach dem Tod der Schwiegermutter 1934 und der testamentarischen Aufteilung des Anwesens zog man mit der inzwischen gewachsenen Familie um in die frühere Hauptstraße 43 (Bild7) mit eigenem Arbeitsraum, Schaufenster und separaten Eingang für die Schneiderei. Einige Handwerkszeuge aus dieser frühen Zeit (Plätteisen, elektrische Bügeleisen, Schere) sind noch zu bestaunen (Bild8).
Neben seiner Tätigkeit als Schneider schrieb C. J. Hodapp in dieser Zeit nicht nur Erzählungen, aktuelle Berichte und heimatkundliche Geschichten in lokalen Medien (siehe C. J. Hodapp: Ein Leimersheimer Erzähler), sondern auch Artikel in der Fach-Zeitung „Der Schneidermeister“, wo er über seinen „Widerstand“ als Schneider in Gefangenschaft berichtete, oder durch die Schilderung seiner sportlichen Tätigkeiten (z. B. als Oberturnwart des TV Leimersheim 1922) aufzeigen wollte, dass der Schneider, der „als körperlich schwach gilt“, zu großen Leistungen fähig ist (Bild9).
Erst in den 1950er Jahren als die Familie kleiner geworden war (der Sohn fiel im Krieg, die beiden Töchter hatten geheiratet) zog man wieder zurück in die Hauptstraße 7, in der bis zum Wegzug aus Leimersheim im Jahre 1961 die Schneiderei in der Kammer neben der Küche fortgeführt wurde.. Zwei „Top-Models“ in von ihm maßgeschneiderter Winterkleidung zeigen Josi Ochsenreither und Karlheinz Bers vor dem Fachwerkhaus im Hasenpfuhl (Pfarrgasse 6, Metzgerei Franz Ochsenreither) im Jahre 1949 (Bild10).
Das Auskommen als Schneidermeister, das in der damaligen Zeit stark beeinflusst wurde durch die „leicht zu erreichenden Kaufhäuser und die aus Billiglohnländern kommende Konfektionsware(E. Marthaler, Chronik), konnte er - neben den allgemeinen Aufträgen aus dem Ort - durch die Zusammenarbeit (Umarbeitungen und Reparaturen) mit der Uniformfabrik Heinrich Hoffmann aus Landau und durch seine schriftstellerische Tätigkeit ausgleichen.
Auch mir, seinem Enkel, brachte das Austragen der Ware und Kassieren der Rechnungsbeträge innerhalb des Ortes manchen Groschen als Taschengeld ein. So ist seit der damaligen Zeit - kaum des Schreibens mächtig - der Spruch „Quittier´ mool do!“ fester Bestandteil meines Sprachschatzes geworden.
 
 
Text und Recherche: Karlheinz Bers (2024)
Quellen: Ernst Marthaler, Leimersheim - Die Geschichte eines pfälzischen Dorfes am Rhein (2002) Seiten 491, 492 Absatz 3

Standesamtsbücher Leimersheim
Festschrift des Krieger- und Militärvereins Leimersheim 1926, aus der Privatsammlung Karlheinz Bers
Fotografien: Karlheinz Bers, Leimersheim (Enkel)
Fotobearbeitung: Regina Flory
Koordination: Regina Flory

 

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