Wachthaisel
Untere Hauptstraße 12
Das Wachthaus an der Hirtengasse
Wenn auch im 18. und 19. Jahrhundert vielfach die öffentlichen Einrichtungen nicht vorhanden waren, die heutzutage selbstverständlich sind, so fehlte doch in keinem Dorf das Wachthaus. Das Leimersheimer „ Wachthaisel" am Eingang zur Hirtengasse stammt aus der sogenannten „guten alten Zeit", der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bei näherer Betrachtung gar nicht so gut gewesen sein konnte, wie wir heute annehmen, denn sonst hätte nicht gerade in dieser Zeit die Auswanderung nach Amerika ihren Höhepunkt erreicht. Das Wachthaus diente vor allem als Unterkunft für die Nachtwächter, die hier zwischen ihren Patrouillen ausruhen und im Winter sich auch aufwärmen konnten. Doch es wurde darin im Dezember 1840 von dem Zimmermeister Schoch aus Neu-pfotz auch eine Arrestzelle eingebaut. Diese war 1,9 m lang und 1,25 m breit. (GRech 1840, Be1.210) Darin sind die Straftäter festgesetzt worden, derer man im Dorf habhaft werden konnte, bis sie von den Gendarmen abgeholt wurden. Bettlern und Vagabunden, die in der damaligen Zeit vermehrt im Dorf auftauchten, und dieses nicht, wie vorgeschrieben, vor Einbruch der Dunkelheit wieder verließen, wurde die Zelle zum zwar trockenen aber unbequemen Schlafgemach für eine Nacht.
In den Jahren der ersten Häfte des 19. Jhs. wurde das Wachthaus mit entwässertem und getrocknetem Torf aus der Grube im Bruch beheizt. Die Lieferung des Lampenöls für die Wachtstube und die Laternen der Nachtwächter wurde zu Beginn eines jeden Jahres unter den Krämern im Ort versteigert. Darüber berichtet ein Protokoll: „Heute, den 2ten Januar 1821, um zehn Uhr vormittags schritt der Bürgermeister öffentlich zur Versteigerung an den Wenigstnehmenden der Lieferkosten des Brennöhls samt Tochten auf die Wachtstuben der Gemeinden unter folgenden Bedingungen: 1) Es müssen die Steigerer während der Monate Jänner, Februar, März und April und dann September, Oktober, November und Dezember jeden Abend bei einbrechender Dunkelheit einen viertheil Schoppen guten Brennöhls auf besagten Wachtstuben nebst nöthigen Tochten liefern..." In dem genannten Jahr erhielt Georg Adam Emmerling den Zuschlag für 30 Gulden. (GRech 1821 GA) Später wurde in einem kleinen Nebenraum des Wachthauses der Wiege-Apparat der Fuhr-werkswaage installiert, der vom VViegemeister bedient worden ist.
Es ist zu hoffen, daß das „Wachthaisel", ein kleiner schmucker Fachwerkbau, erhalten bleibt als eine Erinnerung an das dörfliche Leben unserer Vorfahren in den verflossenen letzten Jahrhunderten.
Bevor das "Wachthaus an der Hirtengasse gebaut wurde, hatte die Gemeinde Jahrzehnte eine Wachtstube für die Sicherheitsgarden auf dem früheren Friedhof im Ostteil des Kirchplatzes. (Später wurde dort das Denkmal für die Gefallenen des Krieges 1870/71 errichtet.) Als der dortige Bau 1806 erneuert werden sollte, führte dies zu einem Streit mit dem Ortsgeistlichen, der jetzt eine Störung der Gottesdienste befürchtete. Der Zwist wurde vom Pfarrer sogar dem Bischof in Mainz vorgetragen, der sich der Sache annahm und am 21. Januar 1806 an den Präfekten des Donnersberg-Departements schrieb: „Herr Präfekt, der Pfarrer von Leimersheim, Kanton Germersheim, unterrichtet mich, daß der Gemeinderat seiner Gemeinde zum großen Mißfallen aller Einwohner soeben ein Lagerhaus mit Wache (une chambre de clipot avec de garde) innerhalb der Einfriedung des alten Friedhofs hat erbauen lassen, gegenüber und so nahe dem Chor der Kirche, daß es unmöglich ist, daß dadurch keine Störung des Gottesdienstes entsteht. Ihre umsichtige
Verordnung zur Religionsausübung in der Öffentlichkeit gibt mir das Vertrauen, Herr Präfekt, daß sie von sich aus Mißbräuche dieser Art abstellen werden, wenn Sie sich indessen von der Wahrheit der Berichte überzeugt haben werden. Ich habe die Ehre, Sie mit Respekt zu grüßen. gez. Colmar; Bischof zu Mainz."
Wenige Tage später wurde der Unterpräfekt zu Speyer beauftragt, nähere Informationen einzuholen. Vom Leimersheimer Maire (Bürgermeister) wurde Aufklärung gefordert. Bürgermeister Kuhn berichtete am 19. Februar 1806 an den Unterpräfekten des Arrondissements Speyer in französischer Sprache (Übersetzung):
Monsieur! Auf das Schreiben des Präfekten ... das an Sie gerichtet gewesen und von Ihnen am 8. d. Mts. an mich weitergeleitet worden ist, damit ich Stellung nehme zu dem Wachraum, der auf dem alten Friedhof auf dem an den Chor der Kirche angrenzenden Teil errichtet worden ist, habe ich die Ehre, Sie, Monsieur; wie folgt zu unterrichten: 1. Der besagte Wachraum der corps de garde (Sicherheitsgarde) ist auf dem alten Friedhof erst gebaut worden, nach einer Beschlußfassung durch den örtlichen Gemeinderat, der diese Planung als angemessen befunden hat und zwar um so mehr, als vor 23 Jahren der frühere Wachraum dort war und jener noch benutzt werden würde, wenn er nicht in Trümmern gelegen hätte. 2. Der besagte Wachraum ist ungefähr sieben Meter von der Kirche entfernt und kann nach seiner Lage in keiner Weise die Helligkeit in der Kirche beeinträchtigen und noch weniger den Gottesdienst schädigen oder ihn stören. 3. Es
hat niemals ein Beinhaus (Leichenhalle) in Frage gestanden, um so weniger, als das gegen das Gesetz gewesen wäre, sondern einzig und allein ein Wachraum für die Garde, wie er sich gegenwärtig dort befindet, ohne Nachteil für die Kirche und in keiner Weise zum Nachteil eines Einwohners der Gemeinde. 4. Der Wachraum ist seit zwei Monaten gebaut, ohne daß die geringste Beschwerde oder der geringste Einwand erhoben worden sind. Das fragliche Gelände, ist das einzig günstige in der ganzen Gemeinde, um einen solchen Wachraum einzurichten. Und es müßte bei Abstandnahme wohl oder übel zu einem Rechtsstreit mit den Bürgern kommen, die bei Inanspruchnahme eines anderen Geländes Einbußen erleiden würden ... Ein Wachraum für die Sicherheitsgarden ist nach allen Berichten unentbehrlich. gez. Kuhn, Maire ".
Nachdem der Präfekt von der Antwort des Maire unterrichtet worden war, hat er den Unterpräfekten angewiesen, dafür zu sorgen, daß keine Störungen der Gottesdienste eintreten, und er läßt dem Bürgermeister ausrichten, daß bei der ersten Beschwerde der Wachraum an einen anderen Platz verlegt werden muß. Der Bischof erhielt folgenden Bescheid:
„In Beantwortung Ihres Briefes, Herr Bischof den Sie mir unter dem 21. Januar 1806 gesandt haben, um die Beseitigung des Wachraumes zu veranlassen, der kürzlich in Leimersheim errichtet worden ist und dessen Vorhandensein Ihnen mit dem Gottesdienst der Kirche unvereinbar erscheint, habe ich die Ehre, Ihnen eine Abschrift der Anweisung zu übersenden, welche mir zur einstweiligen Regelung des Zustandes erforderlich erschienen ist und die überdies nicht ausschließt, rigorosere Maßnahmen zu ergreifen, die notwendig werden könnten."' Damit war die Beschwerde anscheinend fürs erste abgetan. Der Zustand war offentsichtlich doch nicht ideal, denn die Gemeinde baute einige Jahre später ein neues Wachthaus an der Hirtengasse.
Text: Ernst Marthaler
Quelle: Ernst Marthaler, Ortschronik "Leimersheim - Die Geschichte eines Dorfes am Rhein" (2002), Seiten 417-419
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