Das Schicksal nahm seinen Lauf
Mit dem ersten Weltkrieg und der russischen Revolution änderten sich die Verhältnisse. Der Privatbesitz wurde in Gemeineigentum überführt und viele der Kolonisten wurden nach und nach aus der Ukraine tiefer ins Landesinnere – hinter den Ural und nach Sibirien verschickt. Otillie und Franz Schardt, die inzwischen eine Familie mit acht Kinder gegründet hatten, ging es besser als ihren Eltern. Sie blieben in der Ukraine. Franz Schardt verdiente den Lebensunterhalt für seine Familie zunächst als Traktorist in einer deutschen Siedlung, dann als Vorarbeiter in einem russischen Dorf. Als die deutschen Truppen das Land besetzten, wurde Franz zur Deutschen Wehrmacht eingezogen und in das ferne Gebiet Irkustsk, im östlichen Sibirien verschleppt. Von da an gab es keine Spur mehr zu Franz Schardt. Es war ungewiss, ob er noch lebt. Otillie erhielt 1945 letztmals einen Brief von ihrem Mann.
Eine lange Odysee liegt hinter Franz Schardt.1945, in den letzten Apriltagen kam er bei Berlin als Volkssturmmann in russische Gefangenschaft und erhielt zehn Jahre Zwangsarbeit. Man hielt ihm vor, ein „Volksverräter“ gewesen zu sein. Es folgte der lange Leidensweg durch die Straflager Russlands, immer östlicher ging es, bis man endlich im fernen Taischet, im Gebiet von Itkutsk, hinter dem Draht verbrachte.
Neun Jahre waren vergangen, bis Franz Schardt frei wurde. Aber wohin? Also blieb er, als freier Arbeiter. Dank seiner perfekten russischen Sprachkenntnisse blieb ihm trotz allem Leid mache Härte erspart.
Eine erste Spur
Viele Jahre blieb das Schicksal von Franz Schardt für seine Angehörigen ungewiss. Franz gelang es zwar, mit ihren in Russland verbliebenen Geschwister Verbindung aufzunehmen. Diese forschten auch nach dem Verbleib der Familienangehörigen, zunächst ohne Erfolg.
Otillie musste 1943 mit ihrer Familie Russland verlassen und wurde von den Deutschen in den Wartegau übersiedelt. 1945 floh sie im Zuge der herannahenden Ostfront mit ihrer Familie in die Bundesrepublik Deutschland. Über Verwandte kam der erste hoffnungsvolle Fingerzeig. Von einem Heimkehrer aus Russland kam die Nachricht, dass er zusammen mit Franz Schardt in einem Kriegsgefangenenlager gewesen sei.
Ein Brief aus Taischet
Da nun die sichere Nachricht vorlag, dass Franz Schardt lebt, setzte seine Frau Otillie alle Hebel in Bewegung, um seinen Aufenthaltsort zu erfahren. Die Schwester von Otillie, die noch in Russland lebte, stellte Nachforschungen über die Miliz nach seinem Verbleiben an – bald mit Erfolg. Ende November 1960 erhielt Otillie den ersten Brief ihres Mannes Franz Schardt in den Händen. Einen Brief aus Taischet in Sibirien. Seitdem überbrücken Briefe den Weiten der Trennung und machen im Wissen umeinander das Schicksal der Trennung schon etwas leichter.
Franz Schardt ist längst kein Kriegsgefangener mehr. Wiederholt hat er seine in Russland fünf Tagesreisen von ihm entfernt lebenden Verwandten besucht. Eine Ausreisegenehmigung hat er bisher noch nicht bekommen. Seine Frau Otillie hat sich intensiv um eine Ausreisegenehmigung bemüht, über das Deutsche Rote Kreuz, sie hat auch einen Brief an den sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chrutschow geschrieben, ohne Antwort. Otillie vermutete, dass die Briefe in die falschen Hände gekommen sind.
Nach 19 Jahren, 1963, nach Jahren der Gefangenschaft und Zwangsarbeit kam endlich die Heimreise zu seiner Familie. In Moskau hörte er vom Tod des US-Präsidenten Kennedy. Dort stieg er in eine ostzonale Maschine nach Berlin. Ostberliner schenkten ihm, da er nur wenige Kopeken in der Tasche hatte, zwei Westmark, um Westberlin erreichen zu können, wovon er ein Telegramm an die Adresse seiner Familie schickte und seine Heimkehr ankündigte. Dort wurde er mit zahlreichen Glückwünschen und Geschenken empfangen. Er schaute seine Familie immer wieder an und murmelte „ich bin zu Hause!“.
Quellen: Westfalenpost, Ausgabe 29.11.1963
Private Informationen der Familie Schardt
Bearbeitung: Emil Weschler