Reise nach der Krim


Reisebericht von Michael Höfer aus Hördt und Johann Georg Loesch aus Leimersheim,  (geb. am 03. Juni 1780)

(Originaltext):


Wir verließen den 17.Mai (Leipzig) diese Gegend und gingen durch Sachsen, Preußen und Galizien nach dem ersten russischen Grenzorte Radziwil, von da über Impol, Alt- und Neukonstantinon; Krasel, Balte nach der ungefähr drei Meilen von der Dnjiester gelegenen Seestadt Odessa, wo wir den 24. August ankamen.

Wir mussten die ganze Reise durch Deutschland, und Galizien, ohne die geringste Unterstützung auf eigene Kosten machen. erst in Radziwil, dem ersten russischen Städtchen in Polen, erhielten wir zur Fortsetzung der Reise, bis nach Odessa einiges Geld und zwar für eine erwachsene Person täglich 20 Kopecken oder 10 Kr. und für eine Kind unter 16 Jahren 10 Kopecken oder 5 Kr.

In Odessa wurden wir mit den übrig angekommenen noch verschiedenen Orten der Kolonie geschickt, um dort den Winter zu verbringen und die Anlegung eines neuen Dorfes und die Anweisung des für uns bestimmten Landes abzuwarten.

Wir trafen unsere Landsleute, die Theils ein, Theils mehrere Jahre schon dahin gezogen waren, in elenden, mit Rohr gedeckten Hütten und in Lumpen gehüllt an, und es bedurfte wenig Zeit, um uns vollkommen zu überzeugen, daß wir in allen unseren Erwartungen grausam getäuscht und betrogen waren. Alle Ankömmlinge ohne Unterschied überhäuften zum Willkommen jene, welche durch ihre herausgeschickten Briefe die Gegend als so fruchtbar und ihr Schicksal als so glücklich gepriesen, und uns hierdurch zu dieser unglücklichen Reise verleitet hatten, auf der Stelle mit den bittersten Vorwürfen. Einige erklärten die in ihrem Namen dahier in Umlauf gebrachten Briefe als falsch und erdichtet. Andere entschuldigten sich mit dem Vorgeben, sie hätten allein deswegen das Land und ihre Lagen so geschildert, um ihren Feinden nicht zum Spott zu werden. Aber wahrscheinlich sind diese Briefe in der Absicht geschrieben worden, um durch Anlockung mehrere Kolonisten, sich bei dem Gouverement von Odessa einzuschmeicheln, das auch gewöhnlich die Bestellung der Briefe besorgt und sich hierzu eines Mannes namens Klein von Langenbrücken und Schoch von Hagenau, und anderer mehr bedient. Jener hat auch verflossenes Jahr durch die in hiesiger Gegend ausgestreuten Briefe zur Auswanderung verführt. Was uns am stärksten aufhielt, war die Bemerkung; daß eben diejenigen, welche schon 5 oder 6 Jahre daselbst wohnen, elender und ärmer als die kürzlich Angekommenen sind, ein Beweis, daß auch bey dem anhaltendsten Fleiß keiner im Stand ist, sich aus der Dürftigkeit emporzuarbeiten.

Der Boden ist rauh und eisenfest. Beim ersten Umbrechen des Landes müssen 6 Ochsen oder 4 Pferde vor den Pflug gespannt werden. Die Saatzeit ist im Mai, die Ernte zu Ende August. Das Feld trägt nichts als Sommerweizen, Hafer und Kartoffeln. Winterfrüchte kommen nicht fort, weil bey der heftigen Kälte alles erfriert. Sommergewächsen wie Hanf, Flachs, Welschkorn gerathen eben so wenig, weil der Sommer mit großer Hitze anfängt, und die ganze Zeit bis zum Herbst wenig oder gar kein Regen fällt. Nicht einmal kommen Rüben auf; sie verdorren kurze Zeit, nachdem sie aufgegangen. Der Boden ist im Sommer so hart und trocken, daß er aufspringt und das Stroh vom Hafen und Weizen wird kaum 2 Schuh hoch.

 

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Im Winter hat man alle Mühe, um sich vor Erfrieren zu schützen. In den elenden, von dünnen Balken mit Leimen ausgestopften und mit Schilf bedeckten Hütten ist kein anderes Feuerungsmittel als gedörrter Kuhmist und Rohr, welchen an den sumpfigen Ufern des Dnjiesters geschnitten wird, wovon die meisten Ortschaften 4, 6 oder 8 Stunden entfernt sind. Daß auf 30 Meilen kein Holz wächst, ist bekannt. Alle Versuche des Gouverneurs von Odessa, Obstbäume zu pflanzen, sind stets vergeblich gewesen. Er ließ schon mehrmals mit großen Kosten Obstbäume und vorzüglich Maulbeerbäume aus der Moldau kommen, sie wurden alle mit Sorgfalt gepflanzt, starben aber immer den ersten Sommer wieder ab. Die angekommenen Kolonisten erhalten von der Regierung auf jede Familie 355 Rubel in Papiergeld, wovon man den 6. Teil im Auswechseln verliert und nach Verlauf von 10 Jahren muss das Ganze, ohne Zinsen wieder zurückbezahlt werden. Von der angeführten Summe werden von dem Beamten 175 Rubel für die Wohnung, deren Einrichtung derselbe gewöhnlich besorgt, angerechnet. Fenster, Türen und Kamin muss sich der Kolonist noch besonders anschaffen. Der Überrest reicht zum Ankauf des nötigen Viehes, Ackergeräth und der Saatfrüchte kaum hin.

Weiters werden auf jeden Kopf jung oder alt, von dem Tage, wo sie in Odessa angelangen bis zur nächsten Erntezeit 10 Kopeken oder 5 Kreuzer bezahlt, dann hört aber auch alle Unterstützung auf. Der Kolonist mag das erste Jahr eine gute oder schlechte Ernte machen, Krankheit, Viehseuche oder sonstige Uebel mögen Ihn treffen, er kann nichts mehr rechnen und geht der Mann aus Elend oder Mangel zu Grunde, so verlieren Frauen und Kinder das Gut; es seye dann, daß sich ein anderer vorfindet, der die Witwe heiratet oder daß ein erwachsener Sohn da ist, der die Wirtschaft antreten kann. Ist das aber nicht, so vergibt der Beamte das Gut nach Gutdünken, wem er will. Nicht einmal eine Entschädigung können die Hinterlassenen fordern, auch dann nicht, wenn sie erweisen können, daß ihre Eltern von Ihrem mitgebrachten Vermögen Gebäude aufgeführt, oder das gut auf sonst eine Art verbessert haben. Der Tod des Vaters benimmt ihnen alle Ansprüche auf das gut, das dazugehörige Vieh und Ackergeräth.

Sämtliche Ortschaften stehen unter der Aufsicht eines ehemaligen österreichischen Unteroffiziers, der den Titel eines Oberschultheisen führet und die Kolonisten strenge behandelt. Kleine Verbrechen oder Vergehen als Ungehorsam und dergleichen werden mit Peitschenhieben, wovon sogar schwangere Weiber nicht verschont sind, bestraft. Größere Verbrechen, worunter auch das Hinweglaufen gehöret, mit 5 tägiger Knute, eine Strafe, die unter 10 kaum einer überlebt. Kommt er aber davon, so wird er noch 2 Jahre an den Karren geschmiedet.

Zu Entkommen ist beinahe unmöglich, indem die Kolonie viele starke Tagreisen von der Grenze entfernt ist, die überdies sehr scharf von Kosaken bewacht wird. Uns gelang es durch Vermittlung eines Straßburgers, der die Reise mit uns von hier bis Odessa gemacht, und bey der dortigen Kanzley als Sekretär angestellt ward, einen Reisepaß ausgestellt von Herzog Richelieu, Gouverneur von Cherson, datiert vom 30. Sept. 1809 auf russisch und ins deutsche übersetzt, unter dem Vorwand, daß wir unsere hier noch zurückgelassene Verwandten abholen wollten, auszuwirken. Und doch würde die Verwendung unseres Freundes vergeblich gewesen seyn, wenn nicht ein jeder von uns als Bürgschaft für unsere auf bestimmte Rückkehr 300 Gulden hätte hinterlegen können. Wir gaben dieses Geld mit Freuden und erkauften uns die Erlaubnis, damit ein Land wieder verlassen zu dürfen, das wir nie gesehen haben wünschten.


Quelle: Pfälzische Landesbibliothek Speyer
Recherche: Emil Weschler