Die Aussiedlung von Leimersheim nach Bessarabien (Ukraine) im Jahr 1809

 
1. ​Russland förderte die Einwanderung
 
Die erste gelenkte Ansiedlung in Russland begann unter Katharina II. (1762 -96). Seit dem Untergang des mongolischen Reiches beunruhigten Nomadenvölker die Wolgasteppe. Erst mit der Thronbesteigung der deutschen Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, der späteren Kaiserin Katharina II. begann die planmäßige Besiedlung des unteren Wolgagebietes. Unter ihrer Führung wurde die türkische Macht aus den Gebieten am Schwarzen Meer verdrängt und es begann der Aufbau der Städte Cherson, Mariupol, Nikolajew, Odessa. Da die neuen Gebiete sehr dünn besiedelt waren, brauchte man fähige und fleißige Arbeitskräfte.
 
Unter der Zarin Katharina II. waren deutsche Auswanderer durch Agenten ins weite Russland gerufen worden um große Steppengebiete im Norden und an den Ufern der Wolga zu besiedeln und zu kultivieren. Am 22. Juli 1763 erließ Katharina II. ein Manifest, das von Erfolg gekrönt war. Dem folgten am 19.03.1764 neue Bestimmungen über das Grundbesitzrecht, in denen auch die zu besiedelten Ländereien genannt und die jedem Bauern zuzuteilende Landmengen angegeben wurden. Die wichtigsten Bestimmungen lauteten:
 
  • Freie Religionsausübung
  • Befreiung von den Steuern auf 10-30 Jahre auf dem Land, 10 Jahre in den Städten
  • Zinslose Darlehen für alle Anschaffungen
  • Befreiung vom Militärdienst auf ewige Zeiten
  • Eigene Gemeinde- und Schulverwaltung
  • Unentgeltliche Zuweisung von 30-80 Desjatinen Land von der Krone für jede Familie.
 
Die ersten Auswanderer aus Leimersheim nach Russland waren Johann Caspar Heid mit seiner Frau Margaretha Schimpf am 23.01.1756 nach Bessarabien aus und kehrten am 04.09 1759 zurück, wenige Monate danach verstarb seine Frau. Franz Avril und seine Ehefrau Maria Eva Ochsenreither wanderten nach dem Manifest der Zarin Katharina II. am 14.12.1770 nach Bessarabien aus.
>> weiterlesen <<

Unter der Regierung des Zaren Nikolaus I. sah man die großen, völlig brachliegenden Landflächen im Süden des Reiches für eine Besiedlung vor, insbesondere im Gouvernement Cherson, unweit des Schwarzes Meeres. Nikolaus I.  (1801-1825) setzte das Kolonisationswerk der Kaiserin Katharina II. in Südrussland fort, in dem er in seinem Erlass vom 20.Februar 1804, ein sogenannter „UKAS“ in etwa dieselben Vergünstigungen verkündigen wie die von Katharina II. mit einigen weiteren Angeboten:
 
  • Jede Familie sollte 60 Desjatin (ca. 66 Hektar) Land erhalten,
  •  dazu 100 Rubel Bargeldhilfe und
  • Steuerfreiheit für den Landbesitz,
  • eigene Dorfverwaltung mit eigenem Schulwesen, eigene Schulzen und Oberschulzen, die von den Dorfgemeinschaften gewählt wurden, dazu eigene Beisitzer und Schreiber, die jeweils für einen Amtsbezirk als Helfer gewählt wurden.
  • völlige Befreiung vom Wehrdienst (sie bestand bis etwa zum Jahr 1875) und schließlich wurde auch Religionsfreiheit, eigene deutschsprachige Kirchen und die Deutsche Sprache für die Schulen zugestanden. Für ihre Investitionen für Vieh, Baumaterialien etc. bekamen sie zinslose Darlehen 

Was bewog die Menschen, nach Russland auszuwandern?

Dieses verlockende Angebot war anscheinend besonders in unserer Gemeinde Leimersheim auf fruchtbaren Boden gefallen. Aus keinem anderen Dorf in der Pfalz begaben sich so viele Menschen auf den weiten, beschwerlichen und gefährlichen Weg.

Auch ein Hirtenbrief des Mainzer Bischofs, der in diesen Tagen von der Kanzel verlesen wurde, ließ die Menschen nicht davon abhalten, ihre Reise anzutreten.

Am 10.Mai meldet der Bürgermeister unter Nennung der Namen, dass ein Dutzend Familien heimlich das Dorf in Richtung Osten verlassen haben, obwohl vor Tagen öffentlich mit der Ortsschelle bekannt gegeben wurde, dass es verboten ist, ohne Erlaubnis des Präfekten auszuwandern.
 
1.  Politische Gründe

Durch die Kriege hatten die Menschen schwer zu leiden. Die Jahre 1800 bis 1810 erlebte das Elsass und die linksrheinische Pfalz schwere Zeiten. Die Männer wurden zur französischen Armee eingezogen. Um diesem Militärdienst zu entgehen, verließen viele jungen Männer ihre Heimat.
 
1.1. Wirtschaftliche Gründe

Die politischen Verhältnisse haben auch wirtschaftliche Notstände hervorgerufen. In der Rheinniederung traten Hungersnöte infolge Ernteausfälle durch Überschwemmungen des Rheins auf. Dazu kam, dass der Landbesitz immer mehr unter den Familien verteilt wurde, so dass sich die Besitzer nicht mehr von ihrem Landbesitz ernähren konnten. Auch in der Pfalz brachten die Jahre 1800 bis 1810 schwere Zeiten. Deutsche Gebiete mussten an Frankreich abgetreten werden.
 
2. Die Auswanderung aus der Pfalz

Die Not und Elend waren Anlass, dass viele Familien einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage darin suchten, dass sie sich, wenn auch schweren Herzens zum Verlassen der angestammten Heimat entschlossen, um dem kümmerlichen Vegetieren ein Ende zu bereiten und eine aussichtsvolle Zukunft anzugehen.

Am 09.Mai 1809 starteten 28 Familien mit insgesamt 121 Personen, darunter auch 9 Säuglinge, in Dutzende voll bepackten Pferdewagen in eine ungewisse Zukunft und in eine unbekannte neue Heimat Bessarabien in den Bereich Odessa (heute Ukraine). Darunter war auch Johannes Schardt, der am Tag zuvor Maria Katharina Hammer heiratete.

Das Angebot der Agenten, welche Aussiedler aus Deutschland anwerben sollte, hatte eine starke Anziehungskraft zumindest aus weiter Entfernung.

Es war aber vorgesehen, dass die deutschen Siedler und selbstverständlich alle ihre Nachkommen russische Staatsangehörige werden mussten.



​Den vollständigen Textbeitrag von Emil Weschler zu "Die Aussiedlung von Leimersheim nach Bessarabien (Ukraine) im Jahr 1809" finden Sie hier.