Beruf(e):
KFZ-Meister, Tankstellenbesitzer, Schwerlastfahrer
Geburtsdatum: 19.03.1931
Geburtsort: Leimersheim
Sterbedatum (Todestag): 08.07.2022
Sterbeort: Bellheim
Begräbnisort: Leimersheim
Wohnort(e):
Leimersheim
Eltern: Karl Friedrich (Fritz) Ochsenreither *05.02.1889, t 3.11.1967, Maria Ziemer *20.07.1899, t 04.12.1948
Geschwister: Beata (Beate, verh. Lösch) *13.05.1928 und Karl August (Gust) *6.11.1929 t 6.10.1956
Heirat 12.10.1956 mit Klaudia Müller *04.11.1936, t 18.12.2020, 3 Kinder
Momente voller Dynamik - Aus dem Leben eines Mechanikers
Damit Motorteile miteinander funktionieren, müssen Material und Form genau aufeinander abgestimmt sein, so entstehen Kräfte und Bewegung.
Auch im Leben von Ernst Ochsenreither ergaben viele Teile Bewegung und ein Vorwärtskommen.
Geboren in die traditionsreiche Familie Ochsenreither war ihm das Geschick, der Umgang mit metallischen Stoffen, schon in die Wiege gelegt. Die Söhne der Familien arbeiteten 250 Jahre lang als Schmiede. Auch der Urgroßvater Johann Georg (1831 - 1915) und sein Großvater Karl (1866 - 1933) bewiesen sich in der glühenden Kunst mit dem Hammerschlag. Der Vater von Ernst – Karl Friedrich Ochsenreither (bekannt als „de Schmed Fritz“) – war seit 1928 Inhaber einer Autowerkstatt in der Oberen Hauptstraße und der stolze Besitzer des ersten „Automobils“ in Leimersheim. Taxifahrten wurden angeboten, Zweiräder verkauft und repariert, eine erste Tankstelle auf dem Hof sorgte für ein reges Geschäftsleben.
Daher waren auch Ernst und sein Bruder Gust seit ihrer Kindheit unternehmungslustige Schrauber an mobilen Gefährten.
„Eischentlich hätt‘ alles gut werre kinne“
Ernst besuchte ab 1937 die Leimersheimer Volksschule, im Jahr 1942 wechselte er auf das St. Josefs-Gymnasium („Seppls-Kaschde“) in Speyer. Doch dann kam alles anders.
Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Auch für die jungen Schüler änderte sich das geregelte Schulleben. Die Züge von Germersheim nach Speyer fielen immer wieder aus, über Monate waren die Schulsäle belagert durch Soldaten, gegen Ende des Krieges gab es über Monate keinen Unterricht.1944 musste der vierzehnjährige Ernst die Schule verlassen, zuhause zählte man auf ihn.
Seine Zukunftsträume und die eines ganzen Landes hatte der verheerende Krieg vernichtet.
„Dass des so lang dauert, mit dem hemmer nit gereschelt“
Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 kostete das Selbstbewusstsein eines ganzes Volkes. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, doch bis die Wunden verheilten in den Häusern und an den Häusern, sollten noch Jahre vergehen.
Die Jahre unter den Besatzungsmächten belastete die deutsche Bevölkerung enorm, die Pfalz besonders – überwacht durch das französischen Militär. Unter der Besatzung der Siegermächte war selbst das tägliche Brot rationiert. Schieberei, Schwarzhandel standen täglich auf dem Programm – „ach fer uns Kinner“, Tabak gegen Salz, Kartoffeln gegen Mehl.
Der Jahrhundertwinter, der grauenvolle „Hungerwinter“, brachte von November 1946 bis März 1947 anhaltend Eis und Schnee, somit auch noch mehr Leid und Sorge. Er lehrte Verzicht auf die notwendigsten Dinge des Lebens. Lebensmittel und Holz wurden knapp, man rückte zusammen um sich die Seele und den Körper zu wärmen. Aus den Städten kamen bereits 1943 die „Fliegergeschädigten“ und suchten Obdach, danach die Verwandten mit der Hoffnung, ihre Kinder vorm Hungertod oder Erfrieren zu bewahren.
Jegliche Infrastruktur war zusammengebrochen, das Fehlen der Sozialsysteme betraf den Alltag eines Jeden. Für die meisten jungen Menschen hieß das, auf eine Weiterbildung in der Schule zu verzichten und daheim die Mütter, im besten Falle die Eltern, zu unterstützen in der Landwirtschaft, im Handwerksbetrieb oder als Zuverdiener.
Den Eltern nicht zur Last zu fallen, das bestimmte auch das Denken von Ernst. So war es für ihn selbstverständlich, in der Nachkriegszeit bald eine Arbeit zu suchen. Sie fand sich für fast 5 Jahre lang im Leimersheimer Pumpwerk - mit seiner ganz eigenen Technik.
„Und dann ging‘s doch offwärts“
Das traumatisierte Deutschland kam in Bewegung: Die Währungsreform 1948 machte einen reellen Handel wieder möglich, die Notwendigkeit des Schwarzhandels erledigte sich. „Wiederaufbau“ – das Schlagwort der Stunde. Der Mut, das Land neu zu gestalten, brachte die Deutschen in Aufbruchsstimmung. Die finanzielle Unterstützung durch den Marshallplan sorgte dafür, dass die Wirtschaft anlaufen konnte; es wurde investiert, gebaut und Anfang der Fünfziger überrumpelte das Wirtschaftswunder die deutsche Bevölkerung.
„Was hemmer nit alles gschafft“
Eine Nachkriegsgeschichte beginnt:
Auch Leimersheim profitierte davon. In den Kieswerken standen die Schaufelgeräte und Laster nicht still. „Bei s‘ Kieswolfe“, der Kiesbaggerei von Eugen Wolf, fand er eine neue Arbeit, eine körperlich harte Arbeit. Mit dem ersehnten Führerschein wechselte er zur Firma Pfadt, hier brachte er den Baustoff Kies an die neuen Baustellen, für 35 DM die Woche.
Ein gut bezahltes Angebot im „Westfälischen“ als Speditionsfahrer folgte. Seine Routen mit einem schwer beladenen LKW führten ihn bis nach Hamburg, große Stahlkonstruktionen für Flughallen wurden transportiert.
Bald zog es Ernst wieder in die Pfalz. Zuhause angekommen, nahm er die Gelegenheit wahr, bei der Firma Hartenstein in Rheinzabern als Lasterfahrer zu arbeiten. Der tägliche Treff mit den beiden LKW Fahrerkollegen Fritz Schwab und Hermann Wünschel unterbrach willkommen die lange Arbeitszeit von 12 - 14 Stunden.
Wie in dieser Zeit üblich, war Urlaub purer Luxus. Und doch gönnte sich der begeisterte Radler ab und zu eine kleine Auszeit. Seine Fahrradtouren führten ihn bis in die Schweiz und nach Österreich, einfach nur ein wenig Abenteuer erleben, fast ohne Geld die Welt entdecken, abends „irgendwo unterkommen“. Wie gerne erinnerte sich Ernst an die vielen freundlichen Menschen, die ihm für eine Nacht Unterschlupf gewährten.
Gemeinsam mit seinem 2 Jahre älteren Bruder Gust begannen die beiden jungen Schrauber mit der Arbeit an ihrem großen Traum: „e eischenie BMW zammeschrauwe.“ Dieses Unterfangen gestaltete sich jedoch aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Lage mit ihrem Mangel an Ersatzteilen als extrem schwierig. „S‘ war äfach nix an neie Dääle zu kriesche – odder sie war‘n halt zu deier!“ Kreatives Schaffen war gefragt, gebrauchte Teile zu finden, dies ging nur über „veel, veel Ecke“: Mit Geschick und viel Geduld gelang es den jungen Kerlen nach 10 Jahren die erste Fahrt mit dem eigenen Motorrad zu unternehmen. „Waren meer stolz!“
Seine Leidenschaft fürs Motorradfahren führte Ernst am Wochenende meist in den Pfälzerwald. In Hermersberg traf er sich 1953 mit Bekannten auf der „Kerb“, dabei lernte er ein junges Mädchen namens Klaudia kennen. Im Jahr 1956 nahm sie seinen Heiratsantrag an und ein Jahr später kam der erste Sohn in Hermersberg zur Welt.
In dieser Zeit arbeitete Ernst bei den „Amis“ in Kaiserslautern. Am 6. Okt. 1956 ereilt ihn ein schwerer Schicksalsschlag: Ernst verlor seinen 27-Jährigen Bruder, „de Guschd“, bei einem Unfall in Lambrecht, er war unterwegs mit einem Kieslaster der Leimersheimer Firma Eugen Wolf. Ein tragisches Unglück, das damals das ganze Dorf erschütterte.
Neue Berufsaussichten zogen Ernst 1958 wieder zurück in sein Heimatdorf. Er unterstützte den Vater bei Reparaturen und Verkauf. Doch den bald dreifachen Familienvater ließ die Idee von einer eigenen Autowerkstatt mit Tankstelle nicht los.
Nach einiger Überlegung wurde das Grundstück in der Rheinstraße gekauft. 1962 floss das erste Benzin – der Liter zu 62 Pfennig. Doch um die Reparaturen selbständig durchführen zu können, musste eine Meisterprüfung vorliegen. So fuhr er in die „Heide bei Flensburg“, die einzige Möglichkeit in zweieinhalb Monaten den ersehnten Meisterbrief in der Hand zu halten. Das Jungunternehmersein des KZF-Meisters erforderte einen 14-Stundentag, einen freien Wochenendtag gab es selten, ein erster Urlaub war nach 10 Jahren möglich.
Ehefrau Klaudia half während der langen Zeit im Verkauf mit, und auch der älteste Sohn arbeitete für einige Jahre als KFZ-Mechaniker in der Werkstatt. Fast vier Jahrzehnte lang hatten die Leimersheimer die Autowerkstatt ihres Vertrauens durch Ernst und Klaudia direkt vor der Haustür.
1990 legte Ernst seinen Schraubenschlüssel beiseite, das Drehmoment seines Arbeitslebens kam zur Ruhe.
„Unn dann ware mer endlich mol rischdisch unnerwäx“
Das Ehepaar Ochsenreither genoss seinen Ruhestand, aber das hieß noch lange nicht Stillstand: Der Besuch bei seinem Sohn und seiner Familie schenkte ihnen eine spannende Zeit in Florida und Texas. Der erste Flug ihres Lebens - der Beginn eines neuen Abenteuers.
Die Werkstatt wurde für einige Jahre von einem Händler zum Autoreifenverkauf genutzt. Seit 2013 gibt es wieder die Werkstatt des Vertrauens, der jüngste Sohn Thomas hält nun nach Vater und Großvater Ochsenreither die Schraubenschlüssel in der Hand.
Eine Familientradition setzt sich fort, die Räder drehen sich weiter.
Text: Regina Flory (2022)
Quellen: Ernst Ochsenreither, Thomas Ochsenreither (Sohn), Standesamtakten VG Rülzheim
Fotografien: Fotoalbum Ernst Ochsenreither
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